Wasser ist ein kostbares Gut. Wir sollten als Gesellschaft deshalb mehr auf unser Wasser achten. Das sehen 87 Prozent der Bürgerinnen und Bürger hierzulande so, wie eine repräsentative Umfrage für den Wasseratlas 2025 ermittelt hat. Von den 1.019 befragten Erwachsenen meinten jedoch nur zwei Prozent, dass die Wasserkrise mit Hochwasser, Dürre oder Wasserverschmutzung das dringlichste Problem unserer Zeit sei. Der Klimawandel, Migration, Krieg, die Energiekrise und allem voran die Wirtschaftskrise wurden als drängender eingeschätzt. Dabei ist vermutlich den wenigsten bewusst, wie eng unser Umgang mit der Ressource Wasser mit all den genannten Themen verknüpft ist.
Ein Viertel der globalen Bevölkerung, d. h. etwa 2,2 Milliarden Menschen, hat keinen sicheren Zugang zu Trinkwasser. Pro Jahr gibt es weltweit mittlerweile mehr als 120 Konflikte, in denen es um Wasser geht. „Besonders in ärmeren Ländern und Regionen verstärken Wassermangel und Extremwetterereignisse wie Dürren oder Überschwemmungen die Armut, gefährden lokale Lebensgrundlagen und forcieren Migration und Konflikte“, so Imme Scholz, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung in einer Pressemeldung zur Veröffentlichung des Wasseratlas 2025. Ist Wasser demnach zumindest für uns Menschen in Europa eines der kleineren Probleme? Mitnichten.
2024 hatte das norditalienische San Marino als erstes Land in Europa den Wassernotstand ausgerufen. Ausbleibender Regen und hohe Temperaturen hatten die verfügbaren Wasserressourcen des Zwergstaats dermaßen verringert, dass eine ausreichende Bereitstellung von Trinkwasser für die Bevölkerung gefährdet war. Aufgrund der extremen Hitze im vergangenen Sommer saßen auch auf Mallorca ganze Dörfer buchstäblich auf dem Trockenen. In zwei Gemeinden im Nordwesten der Insel musste zeitweise gar das Wasser abgestellt werden. Für die dort lebenden Menschen war das eine enorme Belastung, wie das News-Portal Watson zu berichten wusste.
Wasserknappheit in Kommunen: Hier gibt es Streit
Auch in Deutschland, das immer als wasserreiches Land galt, ist Dürre mittlerweile ein Thema. Landschaften verdorren, Moore und Auen trocknen aus, Wälder brennen und der Wasserpegel in Flüssen sinkt bisweilen so weit ab, dass Schiffe diese nicht mehr passieren können. Laut einem Beitrag der Deutschen Welle (DW) von 2022 beschäftigen sich Gerichte immer häufiger mit regionalen Wasserkonflikten. So klagte beispielsweise der norddeutsche Wasserversorger Hamburg Wasser gegen den Landkreis Lüneburg, welcher 2019 aus ökologischen Bedenken die Wasserentnahme aus der Heide für die Elbmetropole gedeckelt hatte.
Auch in Hessen gab es in der jüngeren Vergangenheit Streit ums Wasser. Um den Bedarf im Ballungszentrum Frankfurt am Main zu decken, wird im Umland Wasser gefördert. In der Folge ist in dieser Region – zu der auch das Naturschutzgebiet Ried gehört – der Grundwasserspiegel abgesunken. Dietrich Borchardt vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung bezeichnete das gegenüber der DW als eine „jahrzehntealte Wassernutzungskonkurrenz“. Die hat leider Folgen, wie eine Studie der Universität Göttingen bereits 2013 ermittelt hat: „Die Wälder im Ballungsraum Rhein-Main gehören zu den forstlichen Brennpunkten in Mitteleuropa.“
Wie enorm sich die Industrie auf die regionale Wassernutzung auswirkt, zeigt ganz aktuell das Beispiel Tesla in Brandenburg. Der Autobauer betreibt seit 2022 seine „Gigafactory“ in Grünheide, einer dürrebedrohten Region in einem Trinkwasserschutzgebiet. Rund 1,8 Millionen Kubikmeter Wasser bekommt die Fabrik jährlich vom lokalen Wasserverband Strausberg-Erkner (WSE). Das entspricht etwa einem Fünftel der Trinkwasserförderung des Versorgers. Bereits 2022 war das Wasser in der Region so knapp, dass der WSE eine Rationierung angeordnet hatte. Neue Privatkundinnen und -kunden dürften nur noch 105 Liter pro Tag und Kopf verbrauchen (der Durchschnitt liegt bei etwa 175 Litern).
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Die Kehrseite der Medaille: Überschwemmung und Hochwasser
Wo Wasser an einigen Stellen zu knapp ist, wird es an anderen bisweilen zu viel. Die Klimakrise begünstigt Wetterextreme, wozu auch Starkregen und Hochwasser gehören. Das haben wir in den vergangenen Jahren auch in Deutschland bereits des Öfteren erlebt. Insbesondere die Flutkatastrophe im Juli 2021 ist noch vielen Menschen als erschreckendes Beispiel im Bewusstsein: Mehr als 180 Menschen starben hier, viele weitere verloren ihr Zuhause oder ihre wirtschaftliche Existenz, knapp 9.000 Gebäude wurden von der Wucht des Wassers zerstört. Das Schweizer Analyse-Institut Prognos bezeichnete die Überschwemmungen als das „kostenträchtigste Einzelereignis der Nachkriegsgeschichte in Deutschland“ und bezifferte den entstandenen Schaden auf rund 40,5 Milliarden Euro.
Angesicht der massiven Schäden, die eine solche Katastrophe verursacht, sagte die Klimaforscherin Alexandra Dehnhardt gegenüber der Frankfurter Rundschau: „Sie können davon ausgehen, dass wir derartige Schäden sehr viel häufiger haben werden.“ Wetterforschende prognostizieren für die kommenden Jahrzehnte mehr Starkregen insbesondere in den Wintermonaten. Infolgedessen könnte es laut Deutschem Wetterdienst zu mehr Sturzfluten und Überschwemmungen kommen. Durch begradigte Flüsse, die durch Dämme und Deiche von natürlichen Überflutungsgebieten wie Auen abgeschnitten sind, fließt das Wasser in größeren Mengen und schneller abwärts. Bei Starkregenereignissen treffen diese Wassermaßen auf versiegelte Flächen in Städten, die wiederum dicht an Flüssen gebaut sind.
Um hier vorzusorgen, müssten sich Gebäude und Wohnviertel in Deutschlands Städten verändern, so der Professor für Stadt- und Regionalplanung an der Frankfurt University of Applied Sciences, Peter Kreisl gegenüber der tagesschau. Weniger überbaute und asphaltierte Böden, mehr Raum für Natur und natürliche Wasserkreisläufe: Das ist die Stadt der Zukunft. Um hier nachhaltigere Räume zu schaffen, sind raumplanerische Maßnahmen nötig. Die gute Nachricht: Immer mehr Wasserämter werden bereits in die Planung neuer Wohngebiete einbezogen. Probleme gibt es jedoch beim Bestand. Hier gestaltet sich die Umstellung auf eine wasserbewusste Stadtentwicklung als schwieriger. Auch beim Thema Hochwasserschutz müssen sich Städte und Gemeinden noch enger abstimmen und über das eigene Hoheitsgebiet hinaus zusammenarbeiten.
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Wie sieht eine nachhaltige Wasserbewirtschaftung aus?
Um den Herausforderungen der Wasser- und Klimakrise zu begegnen, können Kommunen ihre Wasserversorgung und Infrastruktur anpassen. Das geht mit dem Konzept der Schwammstadt. Viele Städte machen es bereits vor und errichten ganze Stadtteile nach diesem Prinzip. Regenwasser wird hier gezielt gespeichert, beispielsweise in Mulden, Teichen und unterirdischen Zisternen. Dafür wird an einigen Stellen der Flächengestaltung auf Versiegelung verzichtet, sodass Möglichkeiten zur Versickerung entstehen. Mehr Pflanzen und Wasserflächen tragen außerdem zu einem verbesserten Mikroklima bei. Damit ist die Schwammstadt eine durchaus wirksame Lösung für eine nachhaltige Wasserbewirtschaftung. Die Deutsche Umwelthilfe fordert gar, das Prinzip Schwammstadt verpflichtend einzuführen.
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Doch nicht nur in Städten selbst gibt es Handlungspotenzial für eine nachhaltiges Wassermanagement. Nasse Lebensräume wie Moore und Auen sind wichtige Filter und Rückhalteflächen im Landschaftswasserhaushalt. Doch ein Großteil dieser Flächen ist mittlerweile entwässert, bebaut oder abgetorft und dient land- oder forstwirtschaftlichen Zwecken. Von den ursprünglich 1,5 Millionen Hektar Moorlandschaften hierzulande gelten heute 95 Prozent als „tot“, wie der NABU schreibt.
Auch der Zustand unserer Auen ist alarmierend: Laut Bundesamt für Naturschutz gelten gerade einmal 9 Prozent der rezenten Auen, d. h. der überflutbaren Teile einer Aue, als ökologisch intakt. Diese machen jedoch selbst wiederum lediglich ein Drittel der ursprünglichen Auenflächen aus. Durch Renaturierung und Wiedervernässung, der Ausweisung von Schutzgebieten und Förderung einer extensiven Landwirtschaft sowie Bewusstseinsbildung innerhalb der Bevölkerung für die Bedeutung von Mooren und Auen können Kommunen diese wertvollen Lebensräume stabilisieren.
Eine ressourcenschonende Kreislaufwirtschaft trägt überdies dazu bei, Gewässer vor Mikroplastik und Arzneimittteln sowie giftigen Chemikalien und Pestiziden zu schützen. Vor allem synthetischer Dünger ist laut den Autorinnen und Autoren des Wasseratlas 2025 eine Hauptursache für extremes Algenwachstum, Sauerstoffmangel und Fischsterben in Gewässern. Auch achtlos weggeworfene Abfälle im öffentlichen Raum, sowie in Wäldern, Wiesen und auf Feldern führen zu einer Verseuchung von Gewässern. Indem Kommunen auf lokaler Ebene nachhaltige Wirtschaftskreisläufe und eine ressourcenschonende Produktion von Gütern fördern, tragen sie zu einer Verminderung von Umweltbelastungen durch Abfälle und effizienteren Nutzung von Wertstoffen bei.
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Schutz von Wasserressourcen braucht Vorrang
Das Thema Wasser ist also durchaus brisant. Neben Fragen, die ökologische Herausforderungen und technische Möglichkeiten im Umgang mit dieser wichtigen Ressource betreffen, hat Wasser auch eine politische und gesellschaftliche Dimension. Die zeigt sich insbesondere dann, wenn es um zu wenig oder zu viel Wasser geht. Hier können Kommunen einiges tun, um vor Ort eine nachhaltige Wasserbewirtschaftung zu begründen. Um Wasserressourcen zu schützen, braucht es aber nicht nur engagierte Städte und Gemeinden, sondern auch verbindliche politische Regeln, finanzielle Anreize für wasserwirksame Maßnahmen und eine bessere Kennzeichnung wasserschonender Produktion.
Von der Kommune bis zur EU müssten sich Institutionen stärker mit der Ressource Wasser beschäftigen, finden die Autorinnen und Autoren des Wasseratlas 2025. Und zwar auch über die Frage hinaus, wie Wasser genutzt und verteilt wird. Zudem fordern sie, Industrie und Landwirtschaft stärker als Wasserakteure zu verstehen und in die Pflicht zu nehmen. Beim Thema Wasser gilt es aber auch, als globale Gemeinschaft zusammenzuarbeiten. Um Wasser nachhaltig nutzen zu können, Wasserressourcen zu schützen und damit verbundene Konflikte zu vermeiden, sind internationale Vereinbarungen und grenzüberschreitende Kooperationen notwendig.
Imme Scholz von der Heinrich-Böll-Stiftung und Olaf Brandt, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), appellieren deshalb im Vorwort: „Wir stehen vor einer gewaltigen Aufgabe: Wenn wir entschlossen handeln, um zu einem nachhaltigen Umgang mit Wasser zu gelangen, können wir die Grundlage allen Lebens schützen.“