Es braut sich etwas zusammen unter Vantaa, der viertgrößten Stadt Finnlands. In einer Tiefe von 140 Metern entsteht im felsigen Grund unter der Großstadt seit Frühjahr 2024 ein unterirdisches Bauwerk von Ausmaßen des Olympiastadions in Helsinki. Statt sportlicher Höchstleistungen soll in der gigantischen Anlage namens Vantaro ein neuer Meilenstein in der Energiewende erreicht werden. Grundlage hierfür ist ein thermischer Speicher mit einem Fassungsvermögen von 1,1 Millionen Kubikmetern. Dieser setzt sich aus drei 20 x 300 x 40 Meter großen Kavernen zusammen, in denen Wasser bis auf 140 Grad Celsius erwärmt wird. Hierfür wird überschüssige Energie aus erneuerbaren Energiequellen, hauptsächlich Windkraft, verwendet.
Wärme für 22 Millionen warme Duschen durch Windenergie
Die Kavernen stehen unter Druck, so dass das Wasser weder zu kochen anfängt noch verdunstet. Eine Verkleidung aus Dämmmaterial verhindert, dass die gespeicherte Wärme entweicht. Bei voller Auslastung speichert die Anlage 90 GWh. Das entspricht in etwa der Ladekapazität von 1,3 Millionen E-Auto-Batterien oder Heizenergie im Wert von acht Millionen Euro – genug, um eine mittelgroße finnische Stadt (ca. 30.000 Einwohnerinnen und Einwohner) ein Jahr lang mit Fernwärme zu versorgen. Im Sommer, wenn keine Heizwärme benötigt wird, dient die überschüssige Energie Vantaas Warmwasserversorgung. Bei 90 GWh macht das umgerechnet rund 22 Millionen warme Duschen.
Wie Hybridfahrzeug für die Wärmeversorgung
Für die Erwärmung der Wassermassen sorgen zwei gigantische Boiler mit einer Leistung von jeweils 60 MW (über 80.000 PS). Diese Speichererhitzer sind ausschließlich im Betrieb, wenn überschüssiger Strom ins Netz eingespeist wird. Das ist insbesondere bei stürmischem Wetter der Fall, wenn die Windräder im Land mit rund 7.000 MW Strom produzieren – weit mehr als die fünf finnischen Kernkraftwerke mit ca. 4.400 MW. Da Stromüberschuss zu einer Überlastung des Stromnetzes führen kann, wird ein Teil der Windkraftanlagen bei sehr starkem Wind üblicherweise abgeschaltet. Dank des neuen Wärmespeichers können künftig hingegen 120 MW mehr genutzt werden.
Erbauer und Betreiber der Anlage ist Vantaa Energy (finnisch: Vantaan Energia). Die Gesamtkosten belaufen sich auf rund 200 Millionen Euro, die das lokale Energieunternehmen größtenteils selbst stemmt. 19 Millionen Euro steuert das finnische Wirtschaftsministerium an Fördergeldern bei. Läuft der Bau nach Plan, könnte die Anlage 2028 in Betrieb gehen. Vantaa Energy zufolge ließe sich dann die Wärmeversorgung der Stadt bestenfalls wie ein Hybridfahrzeug betreiben – mal mit Strom, mal mit anderen Energiequellen, je nachdem, was gerade günstiger ist.
Finnland: Vom Kernkraft-Pionier zum Erneuerbaren-Vorreiter
Finnland ist bekannt dafür, dass es einen Großteil seines Stroms aus Kernkraft bezieht. Befürworter dieser Form der Energiegewinnung führen das skandinavische Land deshalb gern als Paradebeispiel für einen intelligenteren, günstigeren und klimafreundlicheren Energiemix ins Feld. Insgesamt versorgen fünf Kernkraftwerke die finnischen Haushalte mit elektrischer Energie. Das Neueste davon ging erst 2023 ans Netz – nach 18 langen Jahren problemreicher Bauzeit. Atomkraft ist auch in der finnischen Bevölkerung sehr beliebt. Der Grund dafür liegt unter anderem darin, dass vor Fertigstellung des fünften Kernkraftwerks noch ein beträchtlicher Teil des Stroms importiert werden musste, was extrem hohe Energiepreise mit sich brachte.
Das bedeutet jedoch mitnichten, dass Finnland den Ausbau erneuerbarer Energieträger nicht vorantreibt. Das Gegenteil ist der Fall: Energie aus hauptsächlich Biomasse, Wind- und Wasserkraft hielt sich mit dem Atomstrom 2023 bereits die Waage. Die Kapazität der Windkrafträder wurde 2022 allein um ganze 75 Prozent erhöht. Insgesamt sind staatliche Fördergelder von über 200 Milliarden Euro fest für Windkraft- (Onshore und Offshore), Solar- und Wasserstoffprojekte vorgesehen. Mit Initiativen wie der National Battery Strategy und dem Hydrogen Cluster Finland zeigt sich das Land gleichsam als Innovationstreiber in der Entwicklung von Speichertechnologien und Wasserstofflösungen.
Vantaro nicht einzige Speicherinnovation in Finnland
Vantaro ist übrigens weder die erste noch die einzige Speicherinnovation made in Finland: Das finnische Unternehmen Polar Night Energy beispielsweise hat eine Sandbatterie entwickelt, die Strom in Form von Wärme über Monate speichern kann. Im Zentrum dieser innovativen Speicheranlagen steht ein mit minderwertigem Sand (also kein Bausand) gefüllter Turm, in dem heiße Luft zirkuliert, die mithilfe von überschüssigem Solar- oder Windstrom erzeugt wird. Die Luft erhitzt wiederum den Sand auf etwa 500 Grad Celsius. Bei Bedarf wird die gespeicherte Wärmeenergie wieder abgegeben. Im südfinnischen Pornainen ist seit letztem Jahr eine 100-MWh-Sandbatterie – die größte ihrer Art – Teil des lokalen Fernwärmenetzes.